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  22.4.2002
9,5mm – das erste Amateur-Filmformat (Teil 9)


Filmen damals ...

Von Ernst Wolfer

Der Filmer von heute, der mit seiner Videokamera, augerüstet mit Autofokus, Belichtungsautomatik und Bildstabilisator rasch eine Szene aufnimmt, hat keine Ahnung, wie umständlich die Filmerei früher gewesen ist, nicht nur in den Anfangsjahren, sondern weitgehend bis 1965, als Super 8 auf den Markt kam.

Von der ersten Handkurbelkamera – zwei Umdrehungen pro Sekunde, bitte ganz gleichmässig drehen – soll abgesehen werden, denn sie wurde ja bald einmal mit einem Federmotor versehen.
Peterli, der jüngste Sohn spielt selbstvergessen im Sandkasten. Diese herzige Szene soll festgehalten werden. Also die Kamera aufs Stativ geschraubt (Schnellkupplung unbekannt). Distanz Kamera – Kind abschätzen oder besser abmessen. Entfernung am Distanzring einstellen (kein Autofokus). Handbelichtungsmesser hervor, die Szene ausmessen. Ermittelte Blende am Objektiv einstellen (keine Blendenautomatik). Ist die Umgebung etwas zu dunkel? Blende etwas korrigieren? Oder besser eine Nahmessung des Gesichts durchführen? Würde aber damit nicht das Kind gestört? Ginge die Unmittelbarkeit nicht verloren? Stimmt der Ausschnitt? Wenn nicht, Kamerastandpunkt verändern (kein Zoom). Jetzt noch die Parallaxe berücksichtigen, den Unterschied zwischen Sucherbild und Aufnahmefeld (kein Reflexsucher). Nun kann ich endlich filmen, falls sich Peterli nicht in die andere Ecke des Sandkastens verzogen hat und man die ganze Übung nochmals von vorn beginnen muss. Also Druck auf den Auslöser, doch verd... mitten in der Szene stirbt der Motor ab, weil man vergessen hat, das Federwerk aufzuziehen (kein Batteriemotor). Eine Vorsatzlinse aufsetzen (keine Makroschaltung). Eine Teleaufnahme ist erwünscht. Hat man Glück und eine Kamera der Luxusklasse vor sich, dann kann man das Normalobjektiv mit Brennweite 20-mm ausschrauben und das Tele mit f=50-mm einschrauben. Das ergibt eine Telewirkung von 2,5 (kein 10-fach Zoom).

Allmählich besser
Mit der Zeit waren bei 9,5-mm doch einige Verbesserungen erreicht worden, meist aber nur bei teuren Kameras, die nicht für jedermann erschwinglich waren. Eumig in Wien schuf schon 1938 eine Kamera mit eingebautem Belichtungsmesser. Dies war aber beileibe keine Belichtungsautomatik, sondern ein Nachführsystem. Ein im Sucher sichtbarer Zeiger musste für die korrekte Belichtung mit einer Marke in Übereinstimmung gebracht werden. Über die weiteren Entwicklungen später mehr.

Unempfindlicher Film
Die Filmempfindlichkeit betrug am Anfang 7 DIN bzw. 4 ASA. Mit diesem wenig empfindlichen Material konnte natürlich nur bei Sonnenlicht gefilmt werden. Später betrug die Empfindlichkeit bei Pathé-Panchro (schwarzweiss) 17 DIN bzw. 40 ASA. Der Kodachrome-Farbfilm wies 12 DIN bzw. 12 ASA auf. Anfänglich gab es nur orthochromatisches Schwarzweissmaterial, das bei der Umsetzung der Farben in Grautöne zu wünschen übrig liess. Wollte man weisse Wolken vor einem blauen Himmel filmen, dann musste ein kräftiger Gelbfilter auf das Objektiv geschraubt werden. Die Situation besserte sich, als 1931 panchromatisches Material angeboten wurde.

Kein billiges Hobby
Wenn wir lesen, dass die erste Kamera, der erste Projektor Fr. 100.- gekostet haben, dann denken wir «das war günstig». Aber das war vor 80 Jahren! Man müsste ausrechnen, den wievielten Teil seines Gehaltes der Käufer aufwänden musste. Um einen realistischen Vergleich zu ermöglichen, habe ich die Preise gemäss dem Lohnindex auf heute umgerechnet. Da zeigt es sich bald, dass das Filmen kaum ein Hobby für den «kleinen Mann» war. Würden wir heute für einen Tonprojektor soviel zahlen wie für ein Auto? Und die laufenden Kosten: 1900.- Fr. für 17 Minuten Farbfilm. Bevor Sie, verehrte Leserinnen und Leser, aber die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und «ganz unsinnig» ausrufen, möchte ich Ihnen eine kurze Frage stellen: Was hat Ihre jetzige Videoausrüstung (DV) gekostet, inklusive obligatem Casablanca? Und das System (S-VHS) davor? Und das System (VHS) davor? Und was macht das alles zusammen?

Nun glücklicherweise wurden Apparate wie Filmmaterial im Vergleich zu den Löhnen mit der Zeit billiger.

Jahr Produkt 9,5 mm Preis in Fr. damals Preis umgerechtnet auf heute
1925 Kamera (K) 100.- 1'600.-
1925 Projektor (P) 95.- 1'380.-
1936 P: Vox Lichtton 1'800.- 21'000.-
1949 K: Webo M 1'518.- 11'700.-
1953 P: PAX Magnetton 2'733.- 19'200.-
1949 120 m Kodachrome (17 Min.) 266.- 1'900.-
(Zum Vergleich: 17 Min. Kodachrome S-8 117.-)

(Fortsetzung folgt)


Projektor Pathé-Missionaire (1923). Das Licht (3 Watt) wurde durch einen Dynamo erzeugt.



Der Ton- und Stummfilmprojektor Pathé Vox-V (400 Watt).


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