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  23.9.2002
Aus meiner Flimmerkiste (9)

Das erste reguläre Kino

Die ersten regulären Kinovorführungen der Gebrüder Lumière erwiesen sich als grossen Renner und hinterlassen bei den Besucherinnen und Besuchern einen nachhaltigen Eindruck. Auch finanziell zahlt sich die Sache aus.

Von Dr. Max Abegg

Der Wirt wollte eine Tagespauschale
Die Brüder Lumière beauftragten einen Monsieur Clement Maurice mit der Organisation und Durchführung der ersten öffentlichen Filmvorführung gegen Entgelt (Eintrittspreis: 1 Goldfranc). Lange stritt er sich mit dem Wirt des Grand Café&Mac226; am Boulevard des Capucines herum, bis er im Keller – vornehm «indischer Salon» genannt – ein 100-plätziges «Kinotheater» einrichten konnte. Der Wirt hatte sich geweigert, einen Anteil von 20% der Einnahmen als Miete zu akzeptieren, er wollte eine Tagespauschale von 30 Francs. Er bekam sie. Die erste Tageseinnahme betrug ganze 33 Francs. Schon nach einer Woche aber lagen die Tageseinnahmen um 2400 Francs herum. Der Wirt wird sich schön geärgert haben, dass er sich mit seinen täglichen 30 Francs zufrieden geben musste.

Am 28. Dezember 1895 war es soweit: Die erste öffentliche Filmvorführung der Welt mit einem modernen Kinematographen ging über die Leinwand. Das Vorführprogramm umfasste 8 bis 11 Filme von je etwa 20 Metern Länge und dauerte 20 Minuten. Hier (in Deutsch) die Titel der gezeigten Filme: «Feierabend in der Lumière-Fabrik», «Kleinkinds Frühstück», «Walfang», «Die Schmiede», «Ankunft eines Zuges», «Abbruch einer Mauer», «Soldaten im Reitsaal», «Die Kartenpartie», «Platz der Republik in Lyon», «Bewegtes Meer» und «Der überlistete Gärtner».

Ein Bombenerfolg
Clement Maurice erzählt in seinen Erinnerungen u.a.: «Die Passanten, die sich zu einem Besuch entschlossen hatten, verliessen die Vorführung mit völlig verdutzten Gesichtern. Kurz darauf kamen sie mit allen Bekannten, die sie unterwegs angetroffen hatten, zurück. Am Nachmittag bildete das Publikum eine Schlange, die bis zur nächsten Strasse reichte.» Kein Wunder, wenn fast täglich 2500 Besucher das Kino stürmten.

Der berühmte Wissenschaftler François-Henri Peudafer de Parville fasste seine Filmeindrücke in folgende Worte: «Es ist von einer unvorstellbaren Echtheit. Macht der Illusion! Wenn man sich vor diesen bewegten Bildern befindet, fragt man sich, ob es nicht Halluzinationen sind und ob man einfach Zuschauer oder Mitbeteiligter an diesen eindrücklichen und realistischen Szenen ist. Die Herren Lumière zeigen eine Strasse in Lyon. Die Strassenbahnen, die Wagen zirkulieren, rollen in Richtung auf die Zuschauer. Eine Equipage kam auf uns zu mit einem galoppierenden Pferd. Eine meiner Nachbarinnen war derart entzückt, dass sie mit einem Satz aufstand und sich erst setzte, als die Kutsche abdrehte und entschwand. Und da dachten wir: Die Herren Lumière sind doch grosse Zauberer!»
(Fortsetzung folgt)
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