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  29.09.2003
Aus meiner Flimmerkiste (15)


Der Kinopalast erobert das moderne Leben

Von Dr. Max Abegg

Das Kinotheater und der Film hatten sich die Welt erobert und sie nehmen seither im Kulturleben vieler Nationen eine Stellung ein, die aus dem modernen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Tja, etwa in dieser Weise und mit einer übergrossen Dosis von Fantasie verschnörkelt, zeigte sich die Entwicklung von der Filmbude über den Kintop zum Kinotheater heutiger Prägung. Wenn heute über die Entwicklung der Kinematografie, nicht ganz zu Unrecht, etwas gelächelt wird, die Pioniere des Films meinten es ernst und erreichten schliesslich ein grosses Ziel, das sie sich allerdings nie gesteckt hatten: All das, was sich im Phänomen des Films und der Filmkunst abwickelte, war End aller Endes ein triumphaler Sieg des Geistes über die Materie und letztlich ein kraftvoller Sieg der Kultur über die «Unkultur», ein riesiger Schritt vorwärts in die Zukunft!

Was wurde um 1910 «einem zahlreich erschienenen, hochgeschätzten Publikum» als «Filmkost» vor Augen gesetzt? Von welcher Art und von welch sittlichem Gehalt zeugten die damals gezeigten Unterhaltungsfilme? Wessen Geistes Kind waren die Filmproduzenten in der Frühzeit des Films? Wie gingen die damaligen Filme über die Bildwand?

Auf all diese Fragen geben die beiden folgenden Abschnitte Auskunft.

Ein tief ergreifendes Drama
Welches Niveau die ersten Spielfilme aufwiesen und welche Geisteshaltung die meisten damaligen «Generaldirektoren des Films» an den Tag legten, sei nicht verschwiegen. Die nachfolgenden Inhaltsbeschreibungen sind (im vollen Wortlaut) dem führenden Fachblatt der Branche «Der Deutsche Lichtbildtheater-Besitzer», Jahrgang 1909, entnommen:

«Tief ergreifendes Drama», «die letzte Zuflucht», «hochdramatische, packende Darstellung aus dem italienischen Landleben», «spannende Handlung» etc.

Und was geschah genau in diesem Film? Die hübsche Tochter einer italienischen Bauernfamilie, die mit einem armen, aber ehrlichen und braven Mann verlobt ist, lässt sich von einem vornehmen Herrn betören und flieht bei Nacht aus ihrem Elternhaus, nachdem sie am nahen Teich ihre Kleidungsstücke verstreut hat, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Als am andern Tag das Verschwinden bemerkt und die Kleider gefunden werden, betrauert man den Tod der Tochter.
Ein Jahr ist vergangen. Der treue Bauer wallfahrt allsonntäglich zu der vermeintlichen Unglücksstelle, wo er ein Erinnerungszeichen angebracht hat. Währenddessen sucht die Ungetreue in der Stadt im Taumel der Genüsse ihre Gedanken an die Heimat zu verscheuchen. Doch sie muss einsehen, dass ein solches nicht von Dauer ist. Sie sieht immer mehr ein, dass sie ihrem Verehrer nur ein Spielzeug war, welches den Reiz der Neuheit verloren hat.
Als sie eines Tages ihren Geliebten in den Armen einer anderen findet, kommt ihr die Unwürdigkeit ihrer Lage zum Bewusstsein, und sie beschliesst, in ihre Heimat zurückzukehren.
Ihre Eltern sind jedoch inzwischen gestorben. Sie trifft ihren früheren Verlobten, welcher aber die feine Dame nicht wiedererkennt. Als sie sich zu erkennen gibt und um Vergebung fleht und vor ihm niederkniet, bäumt sich sein Stolz auf, und entrüstet wendet er sich von der Unwürdigen ab. Verzweiflungsvoll sucht sie als letzte Zuflucht den Ort auf, wo sie die Täuschung damals beging und macht dieselbe zur Wahrheit.
Grossartige Darstellung. Länge 185 Minuten.

Humoristischer Schlager
«Das Glitschpulver oder Die Wirkung des Talkums»
Ein loser Bursche quält sich ab, seine Stiefel anzuziehen. Da macht ihn ein Drogist auf sein Talkum aufmerksam, und leicht und glatt kann er jetzt die Stiefel anziehen. Da erwacht im Burschen der böse Schelm. Er benutzt die Gelegenheit, wo der Drogist abberufen wird, und nimmt die Büchse mit dem Pulver an sich, das er nun auf die Gasse streut und hiermit zahllose Personen zu Fall bringt. Die hierdurch hervorgerufene Situation entwickelt eine ungezügelte Heiterkeit, sie steigert sich von Szene zu Szene und erreicht ihren Höhepunkt, als der Bursche ein ganzes Damenpensionat zu Fall bringt. Alle Vorgänge spielen sich so natürlich ab, dass dieser Film tatsächlich als ein Schlager ersten Ranges bezeichnet werden muss. Länge 82 Minuten.

Diesen beiden Filminhalten ist wohl nichts mehr beizufügen, sie sprechen für sich selber eindrücklich genug.

(Fortsetzung folgt)
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