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  06.11.2002
Aus meiner Flimmerkiste (10)

Der Cinématographe geht auf Tournee

Nach den ersten erfolgreichen Kinovorführungen in Paris, ging der «Cinématographe» auf eine Tournee durch Europa und den USA. Die Lumières nutzen das Medium Film hauptsächlich für dokumentarische Zwecke.

Von Dr. Max Abegg

Obschon alle Lumièreschen Erfindungen unter dem Namen beider Brüder herausgegeben wurden, sprechen die Tatsachen doch dafür, dass fast immer Louis den Hauptanteil daran hatte. Dies gilt auch für die Konstruktion des «Cinématographe», bei der Louis die geniale Idee hatte, die Erfahrungen der Vorgänger zu studieren. So entstand dann der technisch ausgezeichnet durchkonstruierte (relativ) kleine «Cinématographe».

Nach den in Paris so erfolgreich verlaufenen Kinovorführungen ging der «Cinématographe» auf Tournee. Anfang 1895 fanden Vorführungen statt in London, Bordeaux, Brüssel, Wien (besucht vom Kaiser Franz Joseph!), Berlin. Ab Mai 1896 in den USA, in Stuttgart, Hamburg, Spanien, München, St. Petersburg, Rumänien und Hannover. Die Brüder Lumière benützten den Film als Medium ausschliesslich zu Dokumentationszwecken. Bald schickten sie Kameraleute auf ausgedehnte Reisen durch Europa, um später den Franzosen einen Begriff vom Leben in anderen Ländern zu vermitteln. Also: der Film als journalistisches Mittel! Die Lumières hatten absolut kein Interesse an Spielfilmen – diese Sparte überliessen sie Georges Méliès. Für die Brüder Lumière war der Film ein Dokument des Lebens – und der Werbung für die eigene grösste französische Herstellerfirma für Filmmaterial. Als sie die Filmerei wissenschaftlich-technisch nicht mehr interessierte, liessen sie sie fallen und beschäftigten sich danach hauptsächlich mit fotochemischen Aufgaben. Und dies mit Erfolg, wie es sich zeigte: 1907 konnten sie die Autochrome-Platte als revolutioniertes, neuartiges Fotomaterial herausbringen.

Ziehen wir das Fazit, so muss der Objektivität halber festgehalten werden, dass Auguste und Louis Lumière die tiefgreifende Wandlung, die ihre Erfindung ins Leben der Menschen bringen sollte, um die Jahrhundertwende herum in ihrer ganzen Tragweite weder erfassen noch überblicken konnten.

Wer war der Erste?
Nun kann die Antwort auf diese Frage erteilt werden. Edisons Kinobilder waren ungeeignet zur Projektion auf eine Leinwand. Die Brüder Skladanowsky waren gezwungen, mit einem Doppelprojektor zu arbeiten. Erst den Gebrüdern Lumière gelang er zum ersten Mal in der Filmgeschichte, mit nur einem Projektor Filme im Sinne heutiger Vorführtechnik auf die Leinwand zu projizieren. Der 28. Dezember 1895 gilt daher zu Recht als Geburtstag des Films. Daher kommt nur den Gebrüdern Lumière das Prädikat zu, Erfinder der Kinematografie genannt zu werden. Nicht umsonst leitet sich das Wort «Kinematografie»* von «Cinématographe», einer Lumièrschen Wortprägung ab. Damit wäre «der Erste» herausgeknobelt.
(Fortsetzung folgt)

(*Zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern kinein = bewegen und graphein = graphieren, schreiben.)
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