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  Aus dem Tages-Anzeiger, 30.09.2006

Ein Qualitätsprodukt segnet das Zeitliche

Kodak schliesst in Lausanne ihr weltweit letztes Labor für den legendären Super-8-Film Kodachrome. Nachruf auf ein Unikum im Digitalzeitalter.

Von Niels Walter, Lausanne
Er war das Heiligtum des Amateurfilmschaffens. Eine Marke, auf die Millionen von Familienvätern und Hobbyfilmern schworen. Ein Qualitätsprodukt, welches punkto Schärfe und Farbe bis heute unerreicht ist - erinnern Sie sich? 60er-, 70er-, 80er-Jahre an italienischen Stränden, in den Bergen oder auf Passfahrten, wie die Papas filmten? Die Kinder beim Picknick, die Mamis auf dem Liegestuhl, die Wellen des Meeres, der Schwenk über Blumenwiesen und Alpenfirn. Alles verewigt auf Super-8, mal verwackelt, mal unter- oder überbelichtet, aber immer farbenfroh und feinkörnig.

Nun ist Schluss. Dieser Film namens Kodachrome 40, unter Habitués kurz K40 genannt, hat diese Woche das Zeitliche gesegnet. Das weltweit letzte Labor von Kodak in Renens bei Lausanne, das den Kodachrome noch entwickeln konnte, hat seinen Betrieb eingestellt. Alle anderen Labors rund um den Erdball hatte Kodak schon früher geschlossen: Video- und Digitalfilm machten dem Kodachrome seit längerem das Leben schwer.

Wie sich die überzeugten Kleinformatfilmer und das antiquierte Kodak-Labor in Renens in den letzten Jahren gegenseitig am Leben erhalten haben, ist märchenhaft, ja ein kleines Wirtschaftswunder in unserer digitalisierten Welt. Amateurfilmer, aber auch bestandene Regisseure und Experimentalkünstler aus aller Herren Ländern, schickten ihre Super-8-Kassetten in den gelben Papierbeuteln an Kodak S.A., Case postale, 1001 Lausanne. Dort verpassten Fachleute an museumsreifen Maschinen jedem eingesandten Film und Papierbeutel eine Nummer, klebten die kurzen Streifen zu endlos langen Filmbändern zusammen, wickelten sie auf Spulen - und dann gings über Relais und Röllchen ab ins Entwicklungsbad. Jeder Film durchlief 14 Chemie- und Entwässerungsbäder, alles automatisch, hochpräzis gesteuert und dosiert.

Der Kodachrome-Film übrigens ist ein Schwarzweissfilm, erst bei der Entwicklung kamen die Farben dazu. Dieser komplizierte fotochemische Prozess verleihte dem Film die unverkennbare Farbigkeit, das feine Korn und vor allem eine dauerhafte Haltbarkeit, die bis heute unerreicht ist. Es gibt noch andere Super-8-Filme, deren Entwicklung ist aber vergleichsweise banal und hat die Herzen der Super-8-Liebhaber (noch) nicht erobern können.

Das Kodak-Labor war alte Schule, was Qualitätsbewusstsein und Kundenservice betrifft. Alle Filme, die am Morgen im Labor eintrafen, wurden am selben Tag in demselben Papierbeutel an die Kundschaft retourniert. In den besten Jahren beschäftigte Kodak Lausanne gegen 900 Personen und entwickelte über 1 Million Kodachrome-Streifen (Super-8, 16 mm und Diafilme) - in den letzten Jahren waren es noch ein paar Zehntausend.
Im Riesenbau in Renens arbeiten zurzeit noch 110 Leute, 19 davon im Labor - laut Verkaufschef Felix Berger haben sie jeden Tag vor Arbeitsbeginn ein Stossgebet gen Himmel gerichtet, die Maschinen mögen ihren Geist nicht aufgeben. Ersatzteile dafür gab es schon seit Jahren keine mehr. Die eigens von der Eastman Kodak Company gebauten Geräte haben bis zum bitteren Ende durchgehalten - die Angestellten werden ihre Arbeitsplätze nun bis Ende Jahr in Einzelteile zerlegen. Das alte Eisen wird verschrottet. Die Belegschaft des Labors frühpensioniert oder entlassen.

Das letzte Kodak-Labor überlebte auch dank treuen Stammkunden. Zu ihnen gehörte der König von Thailand. Ihre Durchlaucht liess zweimal pro Jahr eine Kiste mit 100 Kodachrome-Filmen nach Lausanne senden. Die letzte Kiste aus dem thailändischen Hofstaat entwickelte Kodak diesen Frühling. Mit welchem Format sich der König künftig filmen lässt, weiss Felix Berger nicht. Er ist so etwas wie der gute Vater der Super-8-Filmwelt. Berger ist Stammgast bei allen Schweizer Filmfestivals, in der Branche bekannt als der Kodak-Mann, der sich dafür einsetzt, dass seine Firma Festivals und Filmschaffende mit Material oder Barem unterstützt.

Alte Filme im Kühlschrank gelagert
In den letzten Wochen läutete bei Berger ununterbrochen das Telefon. Aus Asien und Afrika, von überall her riefen sie an. Warum das Ende? Was nun mit den im Kühlschrank gelagerten Filmen? Drehen und sofort einsenden, riet Berger den Verzweifelten. Vor dem Aus wurde das Labor nochmals fast wie zu alten Zeiten mit Filmbeuteln überflutet. Viele Nostalgiker, die Kodachrome-Kassetten auf Vorrat horteten, sandten Tonspurfilme ein, die Kodak seit 15 Jahren nicht mehr produziert und verkauft. Auch Herr Berger verbrauchte noch seine letzten Super-8-Streifen. Er filmte seinen Sohn beim Fussballspiel und eine Turnstunde des Kodak-Sportklubs.

Kodaklabor Lausanne
Im gelben Beutel angelieferte K40-S8-Kassetten. Die Filme werden für die Entwicklung zu einer grossen 900-Meter-Rolle zusammengeklebt.

Kodaklabor Lausanne
Leere S8-Kassetten.

Kodaklabor Lausanne
Vorrichtung zur Trocknung und Kontrolle der fertig entwickelten S8-Filme.

Kodaklabor Lausanne
Leere S8-Spulen bei der Konfektionierungsmaschine, wo die Filme wieder in den exakt richtigen Beutel gesteckt werden.