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  05.05.2003

17,5 mm – das vergessene Filmformat

Was hatte es mit dem aus heutiger Sicht eher befremdenden Filmformat 17,5 mm einst auf sich. Ernst Wolfer hat sich der Frage angenommen und sich in der Geschichte eines vergessenen Filmformats umgesehen.

Von Ernst Wolfer
Vor mit liegt ein Katalog von 130 Seiten mit dem Titel «Cinémathèque Pathé-Natan 17,5» Er enthält ein Verzeichnis von etwa 500 Filmtiteln, darunter bekannte Streifen wie «Les Misérables», «Casanova» oder «Der Graf von Monte Christo». Diese Filme wurden in ganz Frankreich in ländlichen Kinotheatern gezeigt. Der Katalog ist nicht datiert, wurde aber mit Sicherheit vor dem Krieg (1939-45) herausgegeben, und zwar zwischen 1929 und 1939. Was hat es mit diesem heute kaum mehr bekannten Format 17,5 mm auf sich? Blättern wir in der Geschichte etwas zurück:

Nachdem Thomas Alva Edison 1889 den Kinofilm, ein Band mit 35 mm Breite, erfunden hatte, wollten Amateure auch selber filmen. Die entsprechenden Apparate waren aber schwer und unhandlich, das Filmmaterial teuer. Was lag da näher, als das Band zu halbieren. Mit 17,5 mm konnten leichtere, handlichere Geräte angeboten werden, und die Filmkosten waren ebenfalls tiefer.

Der gleichen Trick hat übrigens Kodak 1932 angewandt. Als der 16-mm-Film in der Wirtschaftsdepression als zu teuer nicht mehr gekauft wurde, halbierte Kodak das Band und brachte mit 8 mm ein neues Amateurformat, das bei den Filmenden gut ankam.

Am 9. Juli 1898 meldete der Engländer Birth Acres ein Patent für eine Filmkamera, Birtac genannt, die einen Streifen von 17,5 mm Breite mit Längsperforation verwendete. In Deutschland hatte Ernemann 1902 ebenfalls einen Apparat erfunden für 17,5 mm. Die Perforation legte er aber in die Bandmitte zwischen die Bildchen, so dass er ein grössere Filmbild erhielt. Dabei verwendete Ernemann das Wort «Kino» erstmals. Viele andere Kameraproduzenten verwendeten ebenfalls den halbierten Normalfilm. In Amerika erschien 1915 der Kamera-Projektor Sinemat für 17,5 mm mit beidseitiger Perforation. Zwei Jahre später gab es die Movette-Geräte für das Format mit runden Perfolöchern.

Der Kinofilm bestand aus Nitrozellulose, ein Material das explosionsartig verbrennen konnte. Wegen dieser Feuergefahr mussten in den Kinotheatern Projektionsraum und Saal durch eine feuerfeste Mauer voneinander getrennt sein. Projiziert wurde durch ein doppeltes Sicherheitsglas. Um nicht mehr an diese strengen (und teueren) Vorschriften gebunden zu sein, verwendete Pathé für sein Leihfilmprogramm unbrennbaren Sicherheitsfilm.

Obwohl der unbrennbare Acetatfilm schon 1908 (oder 1912) erfunden worden war, wurde der Nitrofilm kommerziell und privat noch lange verwendet, denn er lieferte schärfere Bilder. In Berlin wurde 1919 ein Mann ins Spital gebracht, weil bei einer Filmvorführung im Heim der Streifen in Brand geraten war. Damit dieser gefährliche halbierte Kinofilm nicht in Amateurgeräten verwendet werden konnte, wurden Apparate für spezielle Filmbreiten konstruiert: Pathé schuf mit 9,5 mm und 28 mm zwei Modelle, von denen sich aber nur 9,5 mm durchsetzte, Kodak wählte 16 mm.

Das 1926 von Pathé geschaffene 17,5-mm-Programm hiess «Pathé-Rural», wobei man Rural mit «ländlich» übersetzen kann. Dank dem Sicherheitsfilm konnten nun Kinovorführungen in jedem Gasthaussaal durchgeführt werden. 1932 kam der Tonfilm, wobei der Licht-Ton an Stelle einer Perforation auf einer Seite eingesetzt wurde. Insgesamt gab es in Frankreich auf dem Land etwa 5000 Kinotheater, die sich die Programm von Pathé-Rural ausliehen. Dabei konnte einzelne Filme bestellt werden oder aber ein ganzes Abendprogramm, bestehend aus Vorfilm, Wochenschau und Hauptfilm. Der Vorfilm, Pathé-Revue Nr. 23 zeigte zum Beispiel: Fabrikation von Messingdraht. Schweiz: Auf dem Gipfel der Jungfrau (3457 m Höhe). In Afrika (Bahr-el-Gazal, Sudan). Die genannte Broschüre zählt 222 solche Revues auf. Insgesamt hat 17,5 mm als Amateurformat nie eine bedeutende Rolle gespielt, wohl aber als «preiswertes Land-Kino» besonders in Frankreich. Im Krieg beschlagnahmte die deutsche Besatzungsmacht die Apparate und baute sie auf 16 mm um, um damit die eigenen 16-mm-Filme zeigen zu können. Nach dem Krieg war daher 17,5 mm verschwunden, dies im Gegensatz zu den Formaten 9,5 mm, 16 mm und 8 mm, die kräftig aufblühten und um die Gunst der Amateure buhlten.

Wädenswil, 26.3.2003


Pathé-Rural-Filmkatalog.