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  17.05.2004

Kino macht mobil: Unterwegs im Kinoträmli

Ist das nun ein Tramkino oder ein Kinotram? Diese Frage geht mir an diesem Abend noch ein paar Mal durch den Kopf, als ich in einem zum Projektionsraum umgewandelten Tramwagen durch die Basler Innenstadt fahre. Wie in einem Schlafwagen komm ich mir vor, auch wenn beim kurzweiligen Film-Programm von Schlafen nicht die Rede sein kann.

Kinoträmli auf der 6er Linie
Mit dem Basler Trämli hat es etwas auf sich. So hat sich die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) nicht nur schon des öffteren als Sponsor kultureller Events beteiligt, sondern es scheint dort auch offene Ohren für kulturelle Aktionen der etwas anderen Art zu geben. Ausgeheckt hat die bisher wohl einmalige Idee, einen Tramwagen in ein Kino zu verwandeln, Florian Olloz vom Basler Super-8-Kollektiv «mobiles kino». Die Aktion kam als Bestandteil des dreitägigen Kino-Events «Kinolinie.6» in Basel zu stande. Da sich sämtliche Spielstellen an der 6er Tramlinie befanden, fügte sich die originelle Aktion sehr schön ins Programm des Festivals ein. Die BVB zeigte von Beginn an Begeisterung für das Kinotram-Projekt, und ohne Rat und Tat seitens der Angestellten wäre die Aktion wohl kaum zu stande gekommen. Allein die Stromversorgung der Projektionsgeräte (Super-8-Projektor und Videobeamer) und für die Soundanlage war keine leicht zu lösende Angelegenheit.

An zwei Wochenendabenden Ende Januar 2004 ging es dann mit der Kinoreise los – hin und her zwischen den Endstationen Morgartenring und Badischen Bahnhof. Passanten konnten während der ganzen Zeit spontan zu und wieder aussteigen, wobei einige Fahrgäste nicht schlecht staunten, sich unerwartet in einem kleinen Kinosaal zu finden.

Schöne Aussichten aus Amsterdam
Das Kurzfilm-Programm, vom «mobilen kino» und den beiden Videokünstlerinnen Silvia Bergmann und Katja Loher zusammengestellt und von Tramchauffeur Peter Lenhard über das Rangiermikrofon angesagt, war der eigentliche Hauptakteur der Aktion. Jaap Pieters, eigens aus Amsterdam angereist, bestreitete das Super-8-Filmprogramm. Seine Filme sind absolut einzigartig. Jeweils eine ganze dreiminütige Super-8-Filmkassette belichtet Pieters, indem er die laufende Kamera ununterbrochen auf eine bestimmte Person richtet. Oft handelt sich es dabei um Aussenseiter der Obdachlosen-Szene in Amsterdam, und viele der Filme entstanden sozusagen um die Hausecke wo Pieters wohnt. Dank seiner Beobachtungsgabe und seiner Beharrlichkeit ist es Pieters immer wieder gelungen, komische aber auch beklemmende Situationen auf Film zu bannen.
Die Fahrgäste, die den Tramwagen mittlerweile bis zur letzten sitzbaren Fläche belegten, zeigten sich beeindruckt, und die Live-Vertonung von Thomas Jecker setzte dem ganze noch das i-Tüpfchen auf.

Als ich spät am Abend im Zug nach Zürich zurückfahre, geht mir jedoch immer noch eine Frage durch den Kopf – war das nun ein Tramkino oder ein Kinotram? Dabei wünsche ich mir jetzt wirklich in einem Schalfwagen zu liegen. Doch was soll diese Polemisiererei zur später Stunde! Es ist einfach toll, was die Jungs vom «mobilen kino» da wieder mal auf die Beine gestellt haben!

kinolinie.6, 30. Januar bis 1. Februar 2004, Basel
www.mobileskino.ch



(Fotos: Beatrice Jäggi).
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Links:
www.mobileskino.ch