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  25.06.2007

Wie lang halten meine Videofilme? (Teil2)

Sei es Text, Bild oder Ton – alles wird digital. Fragen über die Haltbarkeit stellen sich aber nur jene, die berufshalber auf längere Fristen blicken, die Archivare.

Von Ernst Wolfer
Die Amateure stürzen sich mit Freuden auf die neuen Video-Kameras, digitalen Fotoapparate und die neuesten Handys mit Foto- und Filmfunktion. Über die Haltbarkeit der Bilder machen sie sich (noch) keine Gedanken.

Microsoft will ganze Bibliotheken ins Netz stellen. Ob sich da nicht Probleme mit dem Urheberrecht ergeben? Bei der Lutherbibel von 1534 ist das 70 Jahre dauernde Schutzrecht natürlich kein Problem, aber beim Zukunftsroman «Schöne neue Welt» von Aldous Huxley? Das Werk ist zwar im Jahr 1932 erschienen, aber massgebend ist der Todestag des Autors (1963). Die Schutzfrist läuft also erst 2033 ab.

Die Daten der Zivilstandsämter werden digitalisiert. Da lässt sich folgendes Szenario ausdenken: Beim Tod einer Person ist es dem Amt nicht mehr möglich, das Geburtsdatum zu bestimmen, weil der Speicher verdorben ist oder die neue Hardware den Text nicht mehr lesen kann.

Die Organisation Memoriav will, wie der Name andeutet, alte Filme restaurieren und aufbewahren. Das Wort ist zusammengesetzt aus «Memoria» (lat. Das Gedächtnis) und «av» (Audio-Visuell = Film). Nachdem sich Memoriav bislang dem Kinofilm gewidmet hatte, sollen nun auch Bestände von Privatpersonen kontrolliert und registriert werden. Dabei wird eine richtigen Lagerung (kühl, trocken) sehr empfohlen.

Einige wichtigre Zeilen aus den Texten von Memoriav seien hier zitiert: «Im Falle einer Übernahme (der Filme) auf Video niemals den Originalfilm wegwerfen.
Bis heute haben alle Videosysteme, egal ob digital oder analog, eine weit tiefere Lebenserwartung als Filme. In 15 bis 20 Jahren wird die Videokopie bestimmt unbrauchbar sein, während ein Film, wenn er unter guten Bedingungen aufbewahrt wird, 100 Jahre und mehr überstehen kann. Bewahren Sie den Originalfilm immer auf. Restaurierungen ermöglichen es heute, Kopien von Filmen zu machen, die gestern noch als unbrauchbar galten.» Nähere Informationen siehe: www.memoriav.ch

Die Bibliotheken sind sind von einem Massensterben bedroht. Bücher, die nach 1850 gedruckt worden sind, sind durch eine Übersäuerung gefährdet. Weil hier Millionenwerte (aber auch ideelle Werte) bedroht sind, wird mit enormem Forschungsaufwand nach Lösungen gesucht. Nebst Massenentsäuerung steht auch die Übertragung auf optische und magnetische Träger zur Diskussion. In den USA wurde ein landesweites Notprogramm durchgeführt. Millionen von Titeln wurden auf Mikrofilm übertragen, auf ein Medium, das bei guter Qualität und Lagerung 500 Jahre überdauern soll.

Am 14. Dezember 2004 überraschte Google die Öffentlichkeit mit der Meldung, Google plane innerhalb der nächsten sechs Jahre 15 Millionen geruckte Bücher, also 4,5 Milliarden Seiten, zu digitalisieren und der Öffentlichkeit zu Verfügung zu stellen. Mit den Universitäten von Stanford und Michigan sei ein Vertrag abgeschlossen worden, wonach deren gesamte Bibliotheksbestände für das Einscannen zu Verfügung gestellt würden. Sollte Europa auch auf diesem Gebiet den Amerikanern die Vorherrschaft überlassen? Im März 2005 kündigte der damalige französische Staatspräsident Jacques Chirac seine Unterstützung für eine Europäischen digitale Bibliothek an.

Weltweit löst sich in den Filmarchiven wertvolles auf Nitro-Film gedrehtes Material auf. Durch umsichtige Lagerung kann man den Zerfall nicht aufhalten, sondern nur verlangsamen. Im Bundesfilmarchiv in Berlin befinden sich etwa 900'000 Rollen Film, die gesichtet, restauriert und umkopiert werden müssen. Da die finanziellen Mittel begrenzt sind, wird genau überlegt, was man unbedingt vor dem Zerfall retten will. Das entspricht allerdings nicht immer den Wünschen der Nutzer. Und subjektiv wird die Auswahl immer sein. Man überlege nur, wie in Berlin eine Auswahl 1920 oder 1940 oder 1960 ausgesehen hätte.

Das Material wird in vollklimatisierten Bunkern gelagert. Schwarzweiss-Filme, bei 10 Grad und 50% Luftfeuchtigkeit und Farbfilme bei minus sechs Grad und 30% Luftfeuchtigkeit. Das Nitromaterial wird in einer Art Schliessfächer versorgt. In jedem Fach liegt eine Rolle. Bei Selbstentzündung, wozu Nitrozellulose bei einem bestimmten Zersetzungsgrad neigt, kann also höchstes eine Rolle verbrennen. Nitrofilm wurde wegen seiner Brennbarkeit in Deutschland in den 1950er Jahren verboten und durch sogenannten Sicherheitsfilm (non-flam, safety) ersetzt.

Aber auch mit Acetatmaterial hat man seine Sorgen. Hier gibt es das Essig-Syndrom. Das Material zersetzt sich und gibt Essigsäure ab, welche die Zersetzung weiter fördert. Eine solche Selbstvernichtung ist aber selten.

Das Staatsarchiv Zürich schreibt mir zu unserm Thema: «Die Sicherheitsverfilmung des Staatsarchivs läuft seit rund 50 Jahren. Als mit dieser Arbeit begonnen wurde, gab es die modernen digitalen Speichermedien noch nicht. Mikrofilme haben gegenüber digitalen Medien einen gewaltigen Vorteil: Nach heutigem Kenntnisstand haben Mikrofilme eine voraussichtliche Lebensdauer von ein paar hundert Jahren, während die Lebenszeit digitaler Speichermedien sehr kurz ist. Die Langzeitsicherung elektronischer Akten ist ein noch ungelöstes Problem, an der in der Schweiz intensiv gearbeitet wird. Mikrofilme sind immer noch das Medium mit der längsten Lebenserwartung.»

Im Internet-Lexikon Wikipedia (www.wikipedia.org) finden sich folgende Angaben über die möglichen Speichermedien und ihre erwartete Lebensdauer:
Medium Erwartete Lebensdauer
Steintafeln, Steinmalereien mehrere 1000 Jahre
Nickelplatte mehrere 1000 Jahre
Säurefreies Papier mehrere 100 Jahre
Säurehaltiges Papier 70-100 Jahre
Zeitungspapier 10-50 Jahre
Mikrofilm bis zu 500 Jahre
Filme auf Zelluloid mindestens 50-70 Jahre
Optische Speicher CD/DVD 5-10 Jahre
Disketten 5-10 Jahre
Magnetbänder bis zu 30 Jahre
REV-Festplatte bis zu 30 Jahre

Als Konsequenz aus diesen Zahlen wird vorgeschlagen, wichtige Dokumente über Jonenstrahl auf eine nahezu unverwüstliche Nickelplatte zu gravieren. Quasi ein Äquivalent der in Stein gehauenen 3000 Jahre alten Texte der Babylonier.

In einem Prospekt für Fotos schreibt die Post: «Entwickelte Fotos halten über 100 Jahre. Ihre auf dem PC abgespeicherten Fotos sind dagegen bedroht durch versehentliches Löschen, Defekte der Festplatte und CD-Roms, welche durchschnittlich nach 10 Jahren nicht mehr lesbar sind.» (Auszeichnungen gemäss Original.)

Eine etwas bessere Meinung haben die Hersteller von DVDs: «Wiederbeschreibbare DVDs funktionieren 50 Jahre.» Bei Festplatten, die oft als ideales Speichermedium empfohlen werden, moniert das Konsumentenmagazin Saldo (16/06): «Viele bewegliche Teile wie eine rotierende Platte und ein Lesekopf machen dieses Medium anfällig für Defekte und empfindlich bei Erschütterungen»
Dann gibt’s aber wieder Negativmeldungen: 1997 wurden, nach einer Ausstellung in Bern, die Daten auf eine CD besterer Qualität kopiert. Die Oberfläche begann nach nicht einmal 10 Jahren sich abzulösen. In Holland wurden 30 CD-Marken getestet. Nach nur zwei Jahren war es bei 10% der Scheiben bereits zu Datenverlusten gekommen.
Dazu Bill Gates, Chef von Microsoft: «DVDs haben keine Zukunft, in 10 Jahren gibt es sie nicht mehr.»

Die HD-DVD gleicht äusserlich einer herkömmlichen DVD (oder CD), hat aber eine vielfache (2 bis 7 fache, bis zu 30 GB) Speicherkapazität und wird daher als das Speichermedium der Zukunft angepriesen. Aber die Konkurrenz empfiehlt Blue-Ray mit 50 GB Speicherkapazität. Hier wird mit einem blauen Laser geschrieben. Was wählen? Wer auf das falsche Pferd setzt, wird abgeworfen. Aber vielleicht lahmen bald beide Gäule: Hitachi hat an der Electonic Show im Januar 2007 soeben die erste Terabyte-Festplatte vorgestellt. Sie kann Hunderte von Filmen in HD-Qualität speichern (HD: High Definition = hochauflösende Qualität).

Mit der Steigerung der Speichermenge ist aber das Haltbarkeitsproblem nicht gelöst. Meist ist die Speicherung mit einer Komprimierung der Daten verbunden, was bei späterem Lesen Probleme bringen kann. Ist das neue Lesegerät noch in der Lage, den Komprimierungsbefehl zu erkennen? Aus diesem Grund wird die nichtkomprimierte Speicherung auf einer Festplatte empfohlen.

Fazit:
- Die Fachleute (Archivare) befassen sich zunehmende mit der Frage der Haltbarkeit der elektrischen und magnetischen Medien, egal ob analog oder digital. Das ist erfreulich. Hoffentlich werden auch für uns Amateure einige wichtige Erkenntnisse abfallen.

- Für das stehende Bild (Foto, Druck) liefert die Kopie auf Mikrofilm wohl das langlebigste Ergebnis.

- Für den Videoamateur gilt: Die Bestände alle 10 Jahre durchsehen, auswählen und Wichtiges auf das dann jeweils neue Medium kopieren.

- Und an die Mahnung von Memoriav denken: Originale auch nach dem Kopieren nicht vernichten (gilt speziell für Schmalfilme).

- Auch Amateurfilme können an Archive in der Schweiz abgegeben werden. (Schweiz. Filmarchiv, Lausanne; Archiv BSFA/swiss.movie: Lichtspiel Bern; Kantonale Archive. Auskunft: Memoriav)


Nichts ist vom Zahn der Zeit sicher: DVD mit sich ablösender Beschichtung.


MEHR ZUM THEMA:

Wie lange halten meine Videos (Teil 1)

Wie werden S8-Filme am besten archiviert?


ADRESSEN:

Memoriav
Effingerstrasse 92, 3008 Bern
www.memoriav.ch
info@memoriav.ch

Lichtspiel Bern
Bahnstr. 21, 3008 Bern
www.lichtspiel.ch
info@lichtspiel.ch